Foto © NASA/Terzić 2026

Die Intuition hinkt der Erkenntnis hinterher. Viele Bilder, die wir uns von der physikalischen Wirklichkeit machen – Elementarpartikel als Kügelchen, der Weltraum als aufgehender Rosinenteig –, sind falsch oder unzureichend. Dabei sind künstlerische und physikalische Imaginationen seit zwei Jahrhunderten eng miteinander verflochten: Jules Vernes Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (1870) inspirierte das erste moderne Unterseeboot. H.G. Wells‘ The War of the Worlds (1898) führte zum ersten Raketenpatent, The World Set Free (1914) brachte Leo Szilárd auf die Idee der Neutronen-Kettenreaktion. Arthur C. Clarke imaginierte 1945 Kommunikationssatelliten. Und bei den Dreharbeiten zu Soylent Green (1972) durchtrennte Charlton Heston ein Telefonkabel – und erfand so das Handy.

Zukunft, so scheint es, kann nie ganz ohne Sci-Fi geschehen. Das ist einer der Gründe, warum  Konzerne wie Google, Boeing oder Microsoft Sci-Fi-Autoren beschäftigen (Science Fiction Prototyping). Ästhetische Repräsentationen wissenschaftlicher Erkenntnisse – in Literatur, Film, Kunst – sind nie nur das, sondern schon Teil der Innovation, die dabei ist, sich zu ereignen.

Gleichzeitig wanderten Denkfiguren aus Quantenphysik und Neurowissenschaft ins politische und philosophische Denken – etwa bei Catherine Malabou, Slavoj Žižek oder Karen Barad, die das Komplementaritätsprinzip Niels Bohrs mit feministischer Theorie und Ontologie verknüpft. Die Welt diesseits der Wahrscheinlichkeit ist eine andere als eine Welt diesseits der Wahrheit, die Sprache der Sprachmodelle, die Fallstatistiken vor jedem medizinischen Eingriff sind etwas grundlegend anderes als die Ungewissheit oder Gewissheit der Existenz. Doch für die Künste und Wissenschaften stellt sich gleichermaßen die Frage: Welche Rolle hat die Spekulation – eine höhere Form des Herumspinnens – in einer vollständig rationalisierten, KI-gesteuerten, zunehmend wahrscheinlicher werdenden Welt?

Der Abend bewegt sich zwischen Astronomie, Sci-Fi und Politik und fragt nach den Verschränkungen verschiedener Wissensdomänen: Wie im physikalischen Experiment sind auch im politischen Leben die großen Fragen mit den kleinen verwoben. Daher ist es notwendig, „das Menschliche und das Nichtmenschliche, das Umweltbedingte und das Astronomische, die Dringlichkeit der Klimakrise und die immense Zeitspanne des Universums zusammenzudenken“ (Fredric Neyrat, The Planetary Condition, 2025).

Kurzum: Wie können wir – im Niemandsland zwischen Populärwissenschaft und Fachdisziplin angesiedelt – unseren Erkenntnissen gerecht werden?

Gäste:
Prof. Dr. Frank Postberg ist Universitätsprofessor für Planetologie am Fachbereich Geowissenschaften der FU Berlin und Leiter der Fachrichtung Planetologie und Fernerkundung an der FU Berlin.

Dr. Isabella Hermann ist Zukünfte-Expertin, Science-Fiction-Analystin und Speakerin. Die Politikwissenschaftlerin forscht, publiziert und berät zu der Frage, wie wir technologischen Fortschritt mit sozialer Innovation zusammendenken können und vor allem, wie wir in dystopischen Zeiten positive Zukünfte gestalten.

Luise Meier ist freie Autorin, Theatermacherin, Dramaturgin, Performerin, Studienabbrecherin und Servicekraft, geboren 1985 in Ostberlin. Studium & Abbrüche der Philosophie, Kulturwissenschaften, Literaturwissenschaften und Sozial- und Kulturanthropologie in Berlin, Frankfurt (Oder) und Aarhus. 2024 erschien der Roman HYPHEN (semi-utopische-speculative-near-future-social-fiction) bei Matthes und Seitz Berlin.

Gastgeber:
Dr. Zoran Terzić (IDIOLAB)

April
27
Mo
  • 20.00
    Roter Salon

    Idiolab

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